Gelebtes Europa in Sasbach trotz Corona-Einschränkungen

Zahnärzte kämpfen für besseres deutsch-französisches Ausbildungssystem

Trafen sich zum Austausch über das deutsch-französische Ausbildungssystem (v.l.n.r.): Zahnmedizinische Fachangestellte Samantha Kempf und Lea Braun sowie Bundestagsabgeordneter Peter Weiß vor der Zahnarztpraxis in Sasbach, welche Dr. Roland Schlär mittlerweile übergeben hat.

Die jungen Elsässerinnen Lea Braun aus Dieboldsheim und Samantha Kempf aus Ebersheim bewarben sich um eine Ausbildung als Assistante Dentaire (Zahnarzthelferin) beim deutschen Zahnarzt Roland Schlär in dessen Marckolsheimer Praxis. Sie staunten nicht schlecht als dieser sie mit offenen Armen empfing, jedoch für seine zweite Praxis auf der anderen Rheinseite in Sasbach am Kaiserstuhl gewinnen wollte. Da die Verwaltungsarbeit in diesem Beruf in Frankreich im Vordergrund stehe, waren die beiden Damen gerne zur grenzüberschreitenden Ausbildung bereit. „Ich hatte gehört, dass die deutschen Kolleginnen viel mehr am Patienten arbeiten könnten“, sagte Lea. Das habe „viel mehr Abwechslung“ versprochen. Dass man in der Ausbildung in Frankreich mehr verdiene als in Deutschland, störte die Französin nicht, schließlich hat sie als Zahnmedizinische Fachangestellte gute Aufstiegschancen und es sei auf jeden Fall „leichter einen Job in Deutschland zu finden als in Frankreich“.

Mittlerweile hat Lea Braun die theoretische, schulische Ausbildung eineinhalb Jahre an einer französischen Berufsschule im Elsass und zwei Jahre an einer Berufsschule in Freiburg absolviert. Die praktische Ausbildung erfolgte in der Zahnarztpraxis von Roland Schlär in Sasbach. Ein Dilemma besteht nun darin, dass die praktische Ausbildung in Deutschland der in Frankreich nicht gleichgestellt wird. „Unser Wunsch und Bestreben ist eindeutig, dass eine ausschließlich in Deutschland durchgeführte praktische Ausbildung mit einer jeweils hälftigen schulischen Ausbildung im Elsaß und in Baden zum Erwerb sowohl des Abschlusses zur Assistante Dentaire, als auch zur Zahnmedizinischen Fachangestellten führt“, kommentierte Peter Riedel, Zahnarzt aus Waldkirch und Vorstand der Bezirkszahnärtzekammer Freiburg. „Wir brauchen dringend Auszubildende, wohingegen unsere elsässischen Kollegen uns signalisieren, dass sie keine Nachwuchsprobleme haben.“

Um die Doppelqualifikation Assistante Dentaire/Zahnmedizinische Fachangestellte zu erlangen, gibt es neben dem Weg, den Lea eingeschlagen hat, noch einen weiteren: Liegt bereits eine abgeschlossene Ausbildung zur Assistante Dentaire vor, bestehe die Möglichkeit, innerhalb von zwei Jahren den deutschen Abschluss Zahnmedizinische Fachangestellte zu erwerben. Der theoretische Teil findet in einer deutschen Berufsschule statt, der praktische Teil in einer deutschen Zahnarztpraxis. Die französische Ausbildung wird auf die deutsche Ausbildung angerechnet. Dem unermüdlichen Engagement der Ärzte Roland Schlär und Peter Riedel ist es zu verdanken, dass der Conseil Régional der Région Grand Est sich inzwischen bereit erklärt hat, das Pilotprojekt finanziell zu unterstützen. Dies sei erforderlich, weil die Ausbildung in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland nicht kostenlos sei, sondern der Arbeitgeber die Kosten übernehmen müsse. Einzig die Genehmigung des binationalen Ausbildungsmodells durch die Commision Paritaire National de l’Emploi et de la Formation Professionel stehe jetzt noch aus.

„Wünschenswert ist ein Rahmenvertrag, wie dies die Industrie- und Handelskammer sowie die Handwerkskammer für grenzüberschreitende Ausbildungen erreicht hat“, so Peter Riedel. „In letzter Zeit kam es im Elsaß leider zu vielen Zuständigkeitsänderungen bei den Behörden. Ich werde mich einsetzten, damit dieses sinnvolle binationale Ausbildungsmodell trotzdem rasch umgesetzt werden kann“, bekräftigte Bundestagsabgeordneter Peter Weiß. Außerdem habe der Deutsche Bundestag letzte Woche ein Gesetz beschlossen, das künftig ausbildungsbegleitende Hilfe und Assistierte Ausbildung auch für junge Grenzgänger ermögliche. Maßgeblich geprägt hat es Peter Weiß selbst: „Wer als junger Mensch im Elsass lebt und auf der anderen Seite des Rheins in Baden eine betriebliche Berufsausbildung absolviert, soll künftig bei der Ausbildung mehr Hilfe und Unterstützung erhalten. Das ist ein echter Meilenstein auf dem Weg zu einem grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt.“